Vergib mir Natascha

Sergei Kourdakov

Vergib mir Natascha

ISBN: 3-85729-001-3

138Sergeis Eltern starben, als er gereade einmal 4 Jahre alt war. Seinen älteren Bruder hat er sein ganzes Leben nie wieder gefunden. Nach 2 Jahren bei einer Pflegefamilie kam er mit 6 Jahren in das Kinderheim Nr. 1 in Nowosibirsk. Bis zu seinem 9. Geburtstag lebte er dort als Oktobrist, Mitglied der kommunistischen Organisation für die Allerjüngsten. Mit neun wurde er Pionier, lebte zuerst in Verkh-Irmen und dann in Barysewo, wo er mit 14 Jahren der stärkste Junge war und zum “König” des Kinderheimes wurde. Ja, Sergei war groß, stark und brachte auch in der Schule beste Noten. Auch in der Jugendorganisation wurde er bald zum Leiter ernannt. Die Ideale des Kommunismus waren zu seiner Lebensmaxime geworden und so war er mit ganzem Herzen dabei. Mit 17 wurde er in der Marine-Akademie in Leningrad (heute: St. Petersburg) aufgenommen und somit stand einer Karriere in der Sowjetunion nichts im Wege. Bereits 1 Jahr später wurde er nach Petropawlowek auf der Halbinsel Kamtschatka versetzt, wo die Elite der Marinesoldaten ausgebildet wurde. Auch hier wurde er wieder zum Jugendleiter bestimmt und war mit seinen 18 Jahren für 1.200 Marineoffiziersanwärter verantwortlich. Obwohl er auch im Studium gute Leistungen erbrachte war doch noch etwas anderes wichtiger als technisches Wissen: “Politische Einwandfreiheit”. Sergei war seit seinem 6. Lebensjahr im Kommunismus erzogen und spiegelte das Ideal eines russischen Mannes.

Genau in diese Zeit fiel eine brutale Verfolgungsaktion der Sowjetischen Regierung gegen die Menschen, welche an Jesus glaubten. Diese wurden als die größten Staatsfeinde betrachtet und auf härteste bestraft. Auch Sergei wurde vom Geheimdienst KGB für diese Aufgabe angeworben, bekam dafür viel Geld und höchste Auszeichnungen. Dabei leitete er eine Gruppe von den kräftigsten Männern, mit denen er die Versammlungen der Jesus-Nachfolger stürmte und sie allesamt verprügelte. Bei 150 solchen Einsätzen gab es viele Verletzte, Wunden die nie mehr heilten und Menschen die starben. Während Sergei als Kind trotz seiner Muskelkraft immer friedliebend war, verrohte er durch diese Art von “Polizeiarbeit”. Die harte Schale begann aber auch zu bröckeln. Wenn er sah, dass die Opfer sich nicht wehrten und für ihre Verfolger noch beteten. Auch als er sah, dass immer mehr Jugendliche bereit waren, sich für den Glauben an Jesus verletzen zu lassen und sogar zu sterben. Auffällig war dabei Natascha, die, nachdem sie geschlagen wurde, ein zweites Mal an einem Treffen teilnahm, wieder geschlagen wurde und dann ein drittes Mal an einem Treffen teilnahm. Einmal spürte er auch eine unsichtbare Hand, welche ihn davor zurückhielt, eine alte Frau zu schlagen.

Je näher er dem Zentrum der Macht kam, desto mehr sah er auch die Widersprüche zwischen der Leninistischen Idee und der politischen Praxis der Sowjetunion. Für ihn kamen nur mehr 2 Wege in Frage: Entweder alle Gewissensbisse unterdrücken und den Parteiapparat hochzuklettern, oder aber das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Er entschied sich für die 2. Variante, nicht zuletzt deswegen, um zu erfahren, ob es diesen Gott, den er so verfolgte, wirklich gibt. Fluchtversuche nach Ungarn und in die Türkei schlugen fehl. Dann kam er als Funkoffizier auf das Schiff Shturman Elagin, welches ganz nahe der Kanadischen Insel “Königin Charlotte” (heute “Haida Gwaii”) vorbeifuhr. Hier gelang ihm die Flucht, doch sein Leben war weiterhin in Gefahr.

(kleo)

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